Ansprache von Rocio Schauvinhold, Absolventin 2025

Bevor wir anfangen, möchte ich mit euch eine kleine Übung machen. Ich weiss, ich gehe ein Risiko ein, wenn ich so beginne, aber ich vertraue darauf, dass alle hier im Raum bei diesem Spiel mitmachen werden.

Deshalb bitte ich euch jetzt: Schliesst die Augen, atmet tief durch – und stellt euch Folgendes vor:

Es ist Donnerstagnachmittag. Der erste Tag der Abschlussprüfungen, genau in dieser Aula, in der wir jetzt gerade sitzen. Ihr kommt herein, und fast ohne nachzudenken, sucht ihr den Tisch auf dem euer Name steht. Ihr findet ihn. Und darauf: ein weisser Umschlag, eine Schokolade, und ein kleiner Zettel mit den Worten: «Viel Erfolg!»

Aber statt zur Ruhe zu finden, seid ihr nervös, ihr spürt das Herz schneller schlagen, eure Hände schwitzen, und die Stille wird unerträglich.

Ihr versucht, im Kopf alles zu wiederholen, was ihr gelernt habt. Aber die Gedanken überschlagen sich.

Und dann taucht diese innere Stimme auf: «Was, wenn ich es nicht schaffe? Was, wenn ich versage? Was, wenn ich nicht gut genug bin?»

Jetzt … macht die Augen wieder auf. Es ist vorbei. Wir sind jetzt hier auf der anderen Seite der Angst.

Ich wollte so anfangen, weil wir oft so schnell weitermachen, dass wir uns gar keine Zeit nehmen, um zu reflektieren. Wir sind ständig in Bewegung, denken an das Nächste, streichen To‑dos ab und rennen weiter.

Deshalb wollte ich meinen Mitstudierenden diesen Moment schenken. Einen Moment, um wirklich zu sehen, was wir geleistet haben.

Und nein, ich meine nicht das, was wir für die Prüfung auswendig gelernt haben. Diese Jahre haben uns Disziplin beigebracht. Sie haben uns gezeigt, wie wir uns selbst motivieren können, auch wenn wir keine Lust haben. Mit Angst und Nervosität umgehen. In einer Fremdsprache zu denken, vor anderen zu sprechen und mit Frustration klarzukommen.

Und während das alles passierte, die Prüfungen, der Unterricht, die Hausaufgaben, lief auch das Leben weiter. Manchmal besser, manchmal weniger gut.

Und trotzdem haben wir es geschafft. Jetzt, wo wir hier stehen, in diesem Moment: Schaut zurück! Erinnert euch an diese ersten Tage der Matura. Und daran, dass alles, was damals so weit weg schien nun endlich da ist. Wir haben es geschafft.

Aber das hier haben wir nicht allein geschafft. Ich bin mir sicher: Hinter jedem von uns war jemand. Jemand, der da war, auch wenn wir es nicht immer gemerkt haben. Der uns gehalten hat an den guten Tagen und vor allem an den schlechten. Deshalb möchte ich mich an alle wenden, die heute hier sind, und auch an die, die wegen der Entfernung nicht kommen konnten: Ihr wart auch Teil von alldem. Weil ihr uns durch all das begleitet habt. Weil ihr uns zugehört habt, in unseren Wut-Momenten, in unseren «Ich versteh gar nichts»-Krisen oder bei unseren «Ich schaff das nicht!»-Panikattacken. Weil ihr unsere Wohnungen voller Bücher und Kopien ertragen habt und überall halb leere Kaffeetassen und Tony-Dosen standen. Wegen eurer Nachrichten: «Nur noch ein bisschen» – genau dann, wenn wir es gebraucht haben. Danke auch für die Umarmungen nach dem Unterricht, wenn wir völlig fertig waren. Wir waren müde, überarbeitet, gereizt, die Laune im Keller – und trotzdem wart ihr da. Und das gehört auch zu diesem Erfolg.

Und wenn wir schon von Menschen sprechen, die alles mitgemacht haben, möchte ich mich an unsere Lehrpersonen wenden. Danke, dass ihr uns immer wieder Fragen gestellt habt, auch wenn keine Antworten kamen, manchmal nicht einmal ein Versuch.

Denn ja, oft waren unsere Blicke auf dem Handy, beim Onlikepoker oder in WhatsApp, eher als an der Tafel.

Und manchmal auch hat uns unsere Uhr getäuscht, und wir kamen 15 Minuten zu spät. Danke, dass ihr uns mehr beigebracht habt als nur den Stoff. Denn alle von euch haben mit ihrem Stil, ihrer Persönlichkeit und ihrem Humor nicht nur reines Wissen vermittelt, sondern auch Werte, Orientierung und die Motivation, über uns hinauszuwachsen.

Auch wenn wir es nicht immer gezeigt haben: Wir haben viel von euch gelernt. Und ich glaube, ich spreche für uns alle, wenn ich sage: Wir werden euch immer dankbar sein.

Zum Schluss möchte ich einen Satz aufgreifen, den unsere Englischlehrerin immer gesagt hat, wenn sie ins Klassenzimmer kam. Sie schaute uns an und fragte: «Did you come prepared?» – «Habt ihr euch vorbereitet?» Und seien wir ehrlich … die meiste Zeit war die Antwort: «Nein.»

Aber heute, heute können wir ohne Zweifel sagen: Ja. Wir sind bereit. Bereit, dieses Kapitel abzuschliessen. Bereit, ein neues Kapitel zu beginnen. Bereit, unsere Zukunft in die Hand zu nehmen.

Vielen Dank.

Rocio Schauvinhold, M22

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