
«Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.»
Das alte deutsche Sprichwort aus dem 18. Jahrhundert zeugt nicht gerade von grosser Hoff- nung, zu einem späteren Zeitpunkt im Leben noch viel zu lernen. Das Sprichwort ist heute noch weit verbreitet – und wird gerade in aktuellen Debatten zur frühkindlichen Förderung, aber auch zu den Frühfremdsprachen immer wieder verwendet. Doch seien wir ehrlich – es ist völlig aus der Zeit gefallen.
Es mag sein, dass das Erlernen gewisser Dinge in der frühkindlichen Phase deutlich einfacher ist. Doch lernen kann man jeden Tag – unabhängig vom Alter. Sie, meine lieben Maturi und Maturae, sind der beste Beweis. Das wussten eigentlich auch schon unsere Ahnen. Denn es gibt ein einfaches Gegenbeispiel – ein ähnlich altes deutsches Sprichwort:
«Man lernt nie aus.»
Ein Sprichwort, das ebenfalls seit dem 18. Jahrhundert belegt ist. Lassen Sie mich meine heutige Festrede deshalb unter den Titel stellen:
«Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr – oder doch?»
Liebe Maturi und Maturae
Sehr geehrter Schulleiter Dr. Luigi Brovelli
Sehr geehrte Mitglieder der Schulleitung der Kantonsschule Reussbühl Sehr geehrte Mitglieder der Schulkommission MSE
Geschätzte Lehrerschaft, liebe Angehörige
Sehr geehrte Damen und Herren
Es ist mir eine Freude und Ehre, heute an Ihrer Maturafeier hier in der Aula der Kantonsschule Reussbühl Luzern dabei zu sein. Der Besuch an der Maturitätsschule für Erwachsene ist für mich etwas Besonderes – aus vielen Gründen, von denen ich drei mit Ihnen teilen möchte:
Erstens die Aufgabe der Schule:
Die Maturitätsschule für Erwachsene übernimmt eine wichtige Rolle, wenn es um Chancengerechtigkeit und die so oft geforderte Durchlässigkeit in unserem Bildungssystem geht. Bildungskarrieren verlaufen nur selten linear. Deshalb ist es wichtig, unseren Lernenden jeder- zeit einen Wechsel zwischen den Systemen, eine Nachqualifikation oder auch einen allenfalls vorübergehenden Rückschritt zu erlauben. Die Maturitätsschule für Erwachsene mit der Möglichkeit, auch zu einem späteren Zeitpunkt im Leben noch eine Maturität zu erlangen, steht exemplarisch für diese Durchlässigkeit – das gilt für den Lehrgang, für den wir heute die Zeugnisse verteilen dürfen, das gilt aber insbesondere auch für die Passerellen-Angebote.
Zweitens die Geschichte der Schule:
Die Maturitätsschule für Erwachsene erfüllt ihre Aufgabe seit 35 Jahren mit Erfolg. Sie hat ihren festen Platz in unserem Bildungssystem. Dabei hat sie sich immer weiterentwickelt. Ge- gründet als Maturitätskurs für Erwachsene wurde sie zu einem eigenständigen Angebot aus- gebaut, welches sich stets weiterentwickelt und mit der Passerelle deutlich an Grösse zugelegt hat. Heute ist das Angebot, aber auch die Schule, nicht mehr aus der Bildungssystematik wegzudenken.
Drittens die Absolventinnen und Absolventen:
Was Sie geleistet haben, verdient meinen allergrössten Respekt. Sie haben einen ganz besonderen Bildungsweg durchlaufen. Sie haben eine Chance im Leben gepackt, haben mit viel Engagement, Fleiss und wahrscheinlich auch dem einen oder anderen Schmerz etwas Grosses geschafft. Dafür braucht es einen starken Durchhaltewillen. Respekt.
Die gymnasiale Erwachsenenmaturität ist kein leichter Weg. Viele von Ihnen haben diesen Weg neben beruflichen und familiären Verpflichtungen beschritten. Sie haben Ihre Zeit zwischen Arbeit, Familie und der Vorbereitung auf Prüfungen aufgeteilt und sich mit unermüdlichem Einsatz und Disziplin immer wieder den Herausforderungen gestellt. Aber genau dieser Weg, der nicht immer geradlinig und oft steinig war, macht den Erfolg umso bedeutender.
Zum Weg, den Sie hinter sich haben und vor allem zu Ihrem erfolgreichen Abschluss gratuliere ich Ihnen von Herzen.
Heute ist nun der Tag der Übergabe der Zeugnisse.
Es ist ein Tag, der mit Stolz, Freude und Erleichterung gefeiert wird. Heute feiern wir nicht nur den Abschluss eines Bildungsweges, sondern auch den Beweis, dass es nie zu spät ist, etwas Neues zu lernen, zu wachsen und sich weiterzuentwickeln. Dies ist das perfekte Beispiel für die besagte Durchlässigkeit des Bildungssystems. Es zeigt uns, dass es immer einen Weg gibt, sich weiterzubilden, selbst wenn man später im Leben einen neuen Schritt wagt. Bildung kennt kein Ablaufdatum, keine Altersgrenze.
Es wäre eine traurige Welt, wenn nur Hänschen etwas lernen würde – und Hans nimmermehr. Die Konsequenzen wären fatal. Stellen wir uns diese Welt doch einmal vor – es wird Sie frösteln:
- Wir müssten uns bereits in jungen Jahren für eine Bildungsrichtung entscheiden. Eine Richtung, in der wir dann ein Leben lang bleiben müssten, denn wir könnten ja nichts anderes mehr lernen.
- Wir könnten mit den technologischen Entwicklungen nicht mehr mithalten. Wir hätten das Gefühl, dass wir neue Technologien gar nicht anwenden können und müssen, weil wir uns das dafür nötige Wissen gar nicht aneignen können. Produktiv wären dann immer nur die Jungen, die die neuen Technologien als Kinder gelernt haben. Doch auch diese würde schon bald das gleiche Schicksal ereilen, wenn wieder eine neue Technologie entwickelt würde und das Spiel von vorne losgeht.
- Wir könnten uns persönlich nicht weiterentwickeln. Wer den Turbo erst später zünden will und kann, hätte keine Chance mehr, eine Zusatzqualifikation zu absolvieren. Das Bildungssystem würde früh ein Ende nehmen – Weiterbildungen wären obsolet. Die Erwachsenenmaturität würde es nicht geben.
- Es wäre auch thematisch eine traurige Welt. Wer sich umorientieren möchte, wer andere Prioritäten im Leben setzen will, wer seinem Leben einen anderen Sinn geben will, wäre chancenlos. Sie kennen sie wahrscheinlich auch, die Geschichte der Menschen, die erst im Schreinergewerbe tätig waren, dann noch Volksschullehrpersonen wurden – die Menschen, die zuerst in einer Bank gearbeitet und dann zu einer sozialen Institution gewechselt haben. All das wäre nicht mehr möglich.
- Und wir würden abschliessend auch die Entwicklung der wirtschaftlichen Struktur nicht auffangen können. Die Welt verändert sich rasend schnell – und immer schneller. Wir müssen uns bewusst sein: Von der Zeit, die wir noch vor uns haben, ist die heutige Zeit wahrscheinlich die ruhigste Zeit. Es dürfte in Zukunft immer noch schneller werden. Die Berufe werden sich aus unterschiedlichsten Gründen immer weiter entwickeln. Die meisten von uns werden in Berufen pensioniert werden, die es heute noch nicht einmal gibt. All das wäre nicht möglich.
Die Frage lautet: Wäre das eine erstrebenswerte Welt? Wäre diese Welt fähig, die dringenden Probleme unserer Gesellschaft wie Frieden, Gesundheit und Klimawandel zu lösen? Wollen wir das? Ist das realistisch?
Natürlich nicht. Und uns ist klar, wie wir das verhindern: Durch lebenslanges Lernen. Wir brauchen ein Mindset, das uns bewusstmacht, dass wir das ganze Leben lernen müssen. Wir brauchen aber noch viel mehr:
- Wir brauchen ein umfassendes System von Aus- und Weiterbildungen.
- Wir brauchen die Durchlässigkeit des Systems.
- Wir brauchen den Grundsatz, keinen Abschluss ohne Anschluss – d.h. jede Ausbildung muss einen darauf abgestimmten weiteren Anschlusslehrgang ermöglichen.
- Wir brauchen ein System, welches uns auch in späteren Jahren, mit Familie und Beruf, eine Aus- und Weiterbildung ermöglicht. Wir brauchen also Teilzeitstudiengänge, brauchen ein gutes Stipendiensystem und auch entsprechende steuerliche Anreize, um Aus- und Weiterbildungen zu fördern.
Will heissen: Wir brauchen die Erwachsenenmaturität und vieles mehr.
Wir brauchen Menschen wie Sie, die sich weiterentwickeln wollen und können.
Wir sind gut unterwegs und konnten in den letzten drei Jahrzehnten viel für die Erreichung dieser Ziele leisten. Doch der Weg ist niemals zu Ende. Denn es gibt immer wieder Fragestellungen, in denen wir uns von diesen Leitsätzen leiten lassen müssen. Denn eine Bildungskarriere ist letztlich immer etwas Individuelles. Was möglich ist, was passt, können wir jeweils nur für uns selbst beantworten. Das gilt auch für Sie alle:
- Warum haben Sie sich für die Erwachsenenmaturität entschieden?
- Was hat Sie motiviert dranzubleiben und die Extrameile zu gehen?
- Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?
- Was bedeutet der heutige Abschluss für Sie?
Ich weiss, die Zeit der Maturaprüfungen ist vorbei – und damit scheint auch die Zeit der Fragen für einige Monate in den Hintergrund zu rücken. Trotzdem: Wer sich heute Abend über das Maturazeugnis richtig freuen will, muss es einordnen können. Dafür müssen Sie sich noch einmal in Erinnerung rufen, was Sie geschafft haben. Sie haben eine der wichtigsten Phasen ihrer Bildungskarriere abgeschlossen. Sie haben die allgemeine Studierfähigkeit und die vertiefte Gesellschaftsreife erlangt. Oder anders ausgedrückt: Mit diesem Zeugnis attestieren wir Ihnen, dass Sie nun neue Rechte und Pflichten erlangen – und wir auch klare Erwartungen an Sie richten.
Sie dürfen jetzt grundsätzlich ohne Aufnahmeprüfung ein Studium an einer Schweizer Hochschule aufnehmen. Wir schicken Sie in die Welt hinaus:
- um eigenverantwortlich Ihren Weg zu gehen;
- um Ihre ganz persönliche Position und Rolle in dieser Gesellschaft zu finden und diese regelmässig kritisch zu hinterfragen;
- um Ihren Beitrag an die Zukunft dieser Welt, dieser Gesellschaft und dieses Staates zu leisten und
- um Ihr Glück zu finden.
Ich weiss, anders als junge Menschen, die die gymnasiale Maturität gleich nach der Volks- schule erlangen, haben Sie das alles schon. Sie haben Ihre Rolle in der Gesellschaft bereits gefunden, Sie wissen, was Eigenverantwortung ist, Sie haben einen Eindruck von dieser Welt, eine Vorstellung für diese Gesellschaft – und Sie haben im Leben schon viel Glück und schöne Momente erfahren.
Aber Sie wussten und wissen, dass das nicht alles ist. Sie nehmen für sich in Anspruch, dass Sie noch einen Schritt gehen wollen. Sie haben eine mehrjährige Ausbildung auf sich genommen, um noch mehr Wissen, mehr Bildung und mehr Erfahrung zu sammeln und sich auf einen Weg zu begeben, der heute noch nicht fertig ist. Sie haben das in Ihrer Einladung zur heutigen Diplomfeier gut zusammengefasst:
«Ein Kapitel geht zu Ende, das nächste beginnt!»
Ja, Sie haben ein Kapitel zu Ende geschrieben und werden schon bald ein neues Kapitel aufschlagen. Egal, ob Sie nun in den Beruf zurückkehren, ein weiteres Studium anstreben oder eine neue berufliche Richtung einschlagen – das Wissen, das Sie sich angeeignet haben, wird
Sie begleiten und Ihnen Türen öffnen, die vorher vielleicht verschlossen schienen. Nutzen Sie diese Gelegenheit, nutzen Sie Ihre Chance!
Bewahren Sie sich die Einstellung, die Sie hier zum Erfolg geführt hat. Ich bin ein starker Verfechter der Vorstellung, dass wir Erfolg durch ein richtiges Mindset unterstützen können. Es ist unser Denken, es ist unser System von Glaubensätzen, die uns im täglichen Leben dazu führen, die richtigen Entscheidungen zu fällen. Meine Ratschläge deshalb an Sie für Ihren weiteren Weg:
- Lernen wir lebenslang.
- Das Leben bietet unbegrenzte Möglichkeiten.
- Denken Sie gross.
- Setzen Sie schnell um.
- Behalten Sie den Fokus.
- Agieren Sie, statt zu reagieren.
- Leben Sie Leidenschaft – und geben sie weiter.
- Gehen Sie die Extrameile.
- Fahren Sie die Excellence-Strategie.
Mit Ihrem Abschluss haben Sie bewiesen, dass Sie das alles bereits verinnerlicht haben. Mit Ihrem Abschluss haben Sie bewiesen, dass nicht nur Hänschen, sondern dass auch Hans noch viel lernen kann, dass auch Hans im Leben alles erreichen kann!
Liebe Diplomandinnen und Diplomanden
Ich gratuliere Ihnen von Herzen zu Ihrem Abschluss. Für Ihre Zukunft wünsche ich Ihnen viel Erfolg, Glück und Zufriedenheit. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Weg finden, Ihre Ziele mit Leidenschaft verfolgen und sich mit Engagement und Überzeugung einbringen – in allem, was Sie tun.
Feiern Sie heute Ihren Erfolg, geniessen Sie die Anerkennung und die Unterstützung Ihrer Familie und Freunde und seien Sie gespannt auf all die Abenteuer, die noch vor Ihnen liegen.
Alles Gute für Ihre Zukunft.
Dr. Armin Hartmann
Regierungsrat
Bildungs- und Kulturdepartement
