
Liebe Lehrpersonen, liebe Eltern, liebe Mitabsolventinnen und Mitabsolventen, liebe Gäste
Wir haben es tatsächlich geschafft. Wir stehen hier, mit einem offiziellen Abschluss in der Tasche und das ganz ohne Nervenzusammenbruch … oder na ja, zumindest ohne bleibende Schäden.
Ja, die Passerelle. Bis vor einem Jahr war das noch ein harmloses Wort. Wie eine kleine Brücke, die man mal eben so überquert. Nur ein Jahr, das klingt überschaubar. 365 Tage. Zwölf Monate. 52 Wochen. Klingt fast wie ein Wellness-Programm; ein bisschen lernen, ein bisschen Prüfungen schreiben, und am Ende geht’s entspannt ins Studium.
Die Realität: eher wie ein Survival-Training, nur dass unser Lagerfeuer aus leeren Kaffeebechern bestand, unsere Waffen Kugelschreiber waren und die grössten Gefahren nicht wilde Tiere, sondern komplexe Matheaufgaben.
Wenn ich an unser Jahr zurückdenke, gibt es drei Konstanten:
1. Koffein. Ohne Kaffee, Energy Drinks oder Mate wären wir wahrscheinlich schon im Herbst 2024 kollabiert. Ich glaube, einige von uns haben so viel Mate konsumiert, dass man sie problemlos in die Steckdose hätte stecken können.
2. Panik. Bei so viel Stoff war Panik fast unser ständiger Begleiter, irgendetwas gab es immer, dass uns den Puls nach oben getrieben hat.
3. Gemeinschaft. Wir haben gelitten, gelacht und manchmal auch gemeinsam Panik geschoben. (Meistens über Geschichte. Oder Geografie. Oder alles gleichzeitig.) Doch wie man so schön sagt: Geteiltes Leid ist halbes Leid.
Wir haben in einem einzigen Jahr ziemlich alles durchgenommen, was es an Allgemeinwissen gibt. Von der Französischen Revolution bis zu den Gedichten aus der Epoche der Romantik.
Doch ich bin überzeugt, dass wir in diesem Jahr auch sehr viel für unsere Zukunft gelernt haben:
Geografie hat uns gezeigt, wie Berge entstehen, und dass man auch die grössten Berge, die einem im Leben im Weg stehen (wie unsere Abschlussprüfungen) mit Ausdauer, Geduld und Motivation überwinden kann.
Geschichte hat uns gelehrt, dass sich vieles im Leben wiederholt; Fehler, Trends, Erinnerungen. Aber wir haben auch gelernt, dass man aus Vergangenem für die Zukunft lernen kann und somit weitere Fehler verhindert werden können.
Deutsch hat uns beigebracht, dass Worte oft mehr meinen, als sie auf den ersten Blick sagen. Genauso ist es im Leben; zwischen den Zeilen steckt oft die eigentliche Bedeutung.
Mathematik hat uns gezeigt, dass auch die schwierigsten Probleme Schritt für Schritt lösbar sind, und dass sich die Panik meist legt, sobald man anfängt, systematisch vorzugehen.
Chemie hat uns beigebracht, dass es auf die richtige Mischung ankommt, nicht nur bei Stoffen, sondern auch im Leben; zwischen Arbeit und Freizeit, Ernst und Humor.
Physik hat uns gelehrt, dass jede Aktion eine Reaktion hat. Im Leben bedeutet das: Jede Entscheidung hat Folgen und wir selbst haben die Kraft, etwas in Bewegung zu setzen.
Englisch und Französisch haben uns gezeigt, dass man Brücken bauen kann, nicht nur zwischen Sprachen, sondern auch zwischen Kulturen und Menschen. Kommunikation ist der Schlüssel, egal wo man im Leben steht.
Biologie hat uns gezeigt, dass alles miteinander verbunden ist, vom kleinsten Molekül bis zum grössten Ökosystem. Im Leben ist es genauso: Jede Begegnung, jede Erfahrung ist Teil eines grösseren Ganzen. Und wie in der Evolution gilt auch für uns: Anpassungsfähigkeit ist manchmal wichtiger als Perfektion.
Natürlich dürfen wir nicht vergessen. Wir sind nicht allein hier durchgekommen. Ohne unsere Lehrpersonen wären wir wahrscheinlich alle irgendwo auf halber Strecke zurückgeblieben. Ihr habt uns nicht nur Wissen vermittelt, sondern auch Geduld gezeigt und, völlig egal zu welchen Themen, wir konnten euch immer um Hilfe bitten. Ob Schule oder Privatleben, ihr habt immer mit uns mitgefiebert und das war auch spürbar!
Daher kann ich jedem einzelnen Lehrer und jeder einzelnen Lehrerin im Namen von uns allen Studierenden Danke sagen. Und zwar nicht nur für euer Engagement in diesem Passerellenjahr, sondern auch dafür, dass ihr euch entschieden habt, jungen Studierenden dabei zu helfen, eine Tür in ein neues Leben zu öffnen. Alle weiteren Erfolge, die wir in unserem Leben noch zustande bringen werden, sind zu einem kleinen Stück auch euer Verdienst.
Aber auch unseren Eltern, Geschwistern, Freunden und allen anderen Unterstützern gebührt ein grosses Dankeschön. Danke, dass ihr unser Jammern ertragen habt. Danke, dass ihr unsere Launen während der Prüfungsphase überlebt habt. Und danke, dass ihr uns trotzdem weiter versorgt habt – mit Essen, mit aufmunternden Worten oder einfach mit Ruhe, wenn wir mal wieder behauptet haben: «Ich kann jetzt nicht reden, ich muss lernen!»
Da wir schon vom Lernen sprechen, noch etwas zur Prüfungszeit. Wir dachten: «Okay, wir sind vorbereitet.» Wir hatten Lernpläne, wir hatten Karteikarten und wenn nicht das, dann hatten wir zumindest ein paar bunte Leuchtstifte. Und trotzdem standen wir vor der ersten Prüfung wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Kurz davor, in den nächsten Wald zu flüchten.
Doch nach einigen, gemeinsamen Wochen in der Bibliothek kann ich schliesslich doch behaupten: Die Zeit verging wie im Flug. Ich kann mich ganz genau erinnern, wie ein Freund zu mir gesagt hat: In zwei Wochen schreiben wir gerade Prüfung – in einer Woche und sechs Tagen schreiben wir gerade Prüfung – in einer Woche und fünf Tagen schreiben wir gerade Prüfung … Und zack, stehen wir hier an der Abschlussfeier und können alle stolz auf uns sein! Denn wir haben es geschafft! Wir sind hier, wir haben bestanden, und wir dürfen jetzt endlich offiziell in die Welt hinaus.
Einige von uns studieren Medizin, andere Jura, wieder andere Wirtschaft oder Geschichte. Manche wissen vielleicht schon ganz genau, wo es hingeht, und andere denken sich: «Ich mach’s wie im Unterricht: Improvisieren!»
Unsere Zukunft ist offen und das ist beängstigend, aber auch grossartig. Denn wenn wir dieses Jahr überlebt haben, dann können wir wirklich alles schaffen. Und ich bin überzeugt, dass jeder einzelne in diesem Raum noch Grosses auf dieser Welt bewirken wird.
In zehn Jahren werden wir vielleicht Ärzte, Anwälte, Ingenieure oder Künstler sein. Und wenn wir uns wiedersehen, werden wir uns erinnern: «Ach ja, die Passerelle, das war das Jahr, in dem wir gelernt haben. Mit vier Stunden Schlaf pro Nacht und einer Dauerdiät aus Mate und Nudeln mit Pesto.»
Vielleicht wird jemand von uns die Entdeckung des Jahrhunderts machen. Vielleicht wird jemand Bundesrat oder Bundesrätin. Und vielleicht wird jemand einfach sehr glücklich sein und das ist mindestens genauso wertvoll.
Also lasst uns heute gemeinsam anstossen: auf uns selbst, auf unsere Lehrpersonen, auf unsere Familien und alle anderen Gäste.
Wir haben bewiesen: Wir sind stark, wir sind schlau, und wir sind ziemlich gut darin, kurz vor knapp doch noch alles hinzubekommen.
Oder, um es auf den Punkt zu bringen: Wir sind die Generation Passerelle 2025, und wenn wir das geschafft haben, dann können wir alles schaffen.
Dankeschön!
Clara Suma, P24e
