Ansprache von Simon Roth

Liebe Absolventinnen und Absolventen der Passerelle

Geschätzte Anwesende

20 Jahre ist es nun her, seit ich selbst hier an meiner Prüfungsfeier teilgenommen habe. Das ist wirklich eine ganze Weile. Umso mehr freut es mich, dass Luigi Brovelli mich aus der Frühzeit der Passerelle ausgegraben hat und ich heute hier an Ihrer Prüfungsfeier sein darf.

Es war die einzige meiner Prüfungsfeiern, an der ich teilgenommen habe. Weder beim Lehrabschluss noch bei der Berufsmaturität, noch an der Uni war ich dabei. Entweder war ich in den Ferien oder in einem Pfadilager oder sonstwo.

Die Passerelle hatte für mich aber auch eine andere Bedeutung. Sie war für mich weniger ein Abschluss, sondern vor allem ein Türöffner. Ein Türöffner zur Universität und damit zu neuen Möglichkeiten.

Rückblickend war die Reihenfolge Lehre, Berufsmatura, Passerelle für mich der Königsweg. Nach der Sek hatte ich keine grosse Lust mehr auf Schule. Und ganz besonders nicht auf Singen, Zeichnen oder Französisch. Nach drei Jahren Lehre als Bibliothekar war ich dann aber wieder bereit für die Schulbank.

Das Abenteuer Passerelle hätte allerdings beinahe geendet, bevor es überhaupt begonnen hatte. Obwohl ich die technische Berufsmatura mit der Bestnote meiner Klasse abgeschlossen hatte, reichte das nicht, um den für die Passerelle geforderten Notenschnitt zu erreichen. Kaum hatte ich das Aufnahmegesuch eingereicht, war es denn auch schon abgelehnt.

Ich habe dann das gemacht, was man in solchen Situationen immer tun sollte: Ich habe eine anfechtbare Verfügung verlangt. Und schon am nächsten Tag erhielt ich ein Telefon: Es werde sich da wohl schon eine Lösung für mich finden. Und so kam es dann auch.

Da es meines Wissens nicht Teil des Lehrplans ist, habe ich deshalb noch einen Tipp für Ihre Zukunft: Sollten Sie einmal mit einer staatlichen Entscheidung, die Sie betrifft, nicht einverstanden sein – verlangen Sie eine anfechtbare Verfügung. Es kann sich lohnen.

Der Eintritt war also geschafft. Dass es dann auch mit dem Abschluss geklappt hat, verdanke ich auch dem Losglück. Denn damals wurde aus den drei Fächern Physik, Biologie und Chemie eines ausgelost und nur dieses geprüft. Meine Hoffnung war, dass es Physik sein würde. Da war ich ziemlich sattelfest. Mit Biologie würde ich mich einigermassen arrangieren können. Das absolute Katastrophenszenario war, dass Chemie ausgelost würde. Das lag nicht am Lehrer. Sondern weil für mich Chemie etwa ähnlich logisch war wie Französisch. Diese Moleküle und Atome sind für mich wie kleine Geister. Ich akzeptiere durchaus, dass sie existieren. Aber ich kann sie nicht sehen – und ihr Verhalten kann ich mir noch viel weniger erklären.

Nun, es wurde Biologie ausgewählt, ich habe bestanden.

Neulich habe ich nochmals nachgeschaut, was mir dieser Prüfungserfolg damals eingebracht hat. Es ist ein Dokument mit dem recht unspektakulären Titel «Ausweis über Ergänzungsprüfungen». Die Druckerschwärze ist inzwischen ziemlich verschmiert.

Dieses Dokument hat mir aber den Weg an die Universität geöffnet. Und so habe ich in Bern einen bunten Strauss an Themen studiert: Volkswirtschaft, Geschichte, Judaistik und Kommunikation. Und auch wenn das Studium für mich meistens eher ein Hobby neben der Arbeit und sonstigem Engagement war, war es für mich eine grosse Bereicherung.

Ihnen, liebe Neo-Inhaberinnen und Neo-Inhaber des «Ausweises über Ergänzungsprüfungen» steht nun ebenfalls dieses ganze Panorama offen. Ich wünsche Ihnen auf diesem Weg ganz viel Freude, spannende Erfahrungen und überraschende Erkenntnisse.

Ich gratuliere Ihnen ganz herzlich zu Ihrem erfolgreichen Abschluss.

Vielen Dank.

Simon Roth

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